Consulting Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.08.2007, Nr. 200, S. B6


Bankberatung wird Handarbeit
 
Mit der europäischen Initiative zur Vereinheitlichung der Finanzmärkte (FSAP) kommen eine ganze Reihe neuer gesetzlicher Anforderungen auf Finanzunternehmen zu.

Der organisatorische Aufwand und die daraus entstehenden Kosten sind enorm: Nach einer Umfrage der Economist Intelligence Unit (EIU) erwarten mehr als die Hälfte der Institute in der EU, dass sich die Umsetzung der neuen Regeln auf der Einnahmenseite bemerkbar machen wird.

Vor diesem Hintergrund sind die Trends in der Beratung für Finanzdienstleister vorgezeichnet: Die komplexen administrativen und technologischen Aufgaben und die damit verbundenen Budgetfragen bescheren dem Consulting gut gefüllte Auftragsbücher. Um die anstehenden Aufgaben zu bewältigen, wollen 90 Prozent aller Consultingfirmen in den kommenden zwölf Monaten Berater mit Berufserfahrung einstellen. Gut zwei Drittel planen, Hochschulabsolventen mit frischem Know-how zu rekrutieren. Das ergab eine Marktstudie zum Beratermarkt 2007 des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater (BDU).

Anders als bei den traditionell integrationsgetriebenen Beratungskonzepten kommt es für die Umsetzung der neuen gesetzlichen Vorgaben auf detaillierte Kenntnisse der Stellschrauben in der Wertschöpfungskette der Finanzinstitute an. Die Unternehmensberatungen suchen daher Quereinsteiger aus Finanzinstituten. Besonders gefragt sind Wirtschaftsingenieure und Betriebswirte aus der Bankbranche. Diese Fachexpertise wird auch von der Kundenseite bereits eingefordert: Spezifische Praxiserfahrung und eine fundierte Ausbildung gelten als entscheidende Kriterien für die Beraterauswahl. Für die Consultinghäuser sind damit künftig verstärkte Aktivitäten im Wissensmanagement verbunden. Vor allem die Kenntnis der nationalen und internationalen europäischen Gesetzgebung im Kontext mit praktischer Umsetzungserfahrung hat Hochkonjunktur.

Um den wissenschaftlichen Nachwuchs müssen sich die Consultinghäuser dabei nicht sorgen. Die Personalverantwortlichen können mit einem regen Zulauf von High Potentials von den Hochschulen rechnen. Bereits jetzt zählen die Unternehmensberatungen nach Angaben von 45 Prozent der befragten Talente zu den attraktivsten Arbeitgebern. Das fand jüngst eine Studie des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid in Zusammenarbeit mit der HHL Leipzig Graduate School of Management heraus. Dieser Trend setzt sich auch bei den Rechtswissenschaftlern durch. Die traditionell beliebtesten Arbeitgeber für Juraabsolventen, der öffentliche Dienst oder einige handverlesene Großkanzleien, sind nicht in der Lage, die jährlichen Bewerber mit Prädikatsexamen aufzunehmen. Daher rangieren die Consultingunternehmen für den Berufseinstieg der Elite-Juristen in der Befragung bereits jetzt auf dem dritten Platz.

Während die Nachwuchsfrage mittelfristig gesichert erscheint, dürfte die Ausgestaltung der Beratungstätigkeit einige Anstrengung bedeuten. Denn die Umsetzung der rechtlichen Anforderungen in die Compliance-Strukturen der Finanzinstitute ist individuelle Handarbeit. Eine Baukastenlösung, die der Berater bei Bedarf aus der Schublade zieht, ist bei der administrativen und technischen Komplexität der einzelnen Institute nicht möglich.

Das wird beispielsweise mit Blick auf die Anpassungen in der IT besonders deutlich: So unterscheiden sich nicht nur die Kernbanksysteme von einem Institut zum anderen. Auch innerhalb der Banken-IT eines Hauses sind in der Regel historisch bedingte Medienbrüche angelegt, die individuell erkannt und gelöst werden müssen. In diesem stark wachsenden Geschäftsfeld sind daher Berater gefragt, die zum einen die individuellen Strukturen der Finanzinstitute erfassen. Zum anderen müssen sie bei der Anpassung an die neuen rechtlichen Anforderungen die sich daraus ergebenden neuen Geschäftsfelderweiterungen erkennen.

Ein weiteres Beispiel ist die europäische Finanzmarktrichtlinie MiFID. Im Mittelpunkt der Aktivitäten der Finanzdienstleister steht die gesetzliche Aufgabe, Kundenaufträge so kostengünstig wie möglich auszuführen (Artikel 21 MiFID). Die Finanzinstitute müssen dafür eine effiziente Infrastruktur schaffen und die Prozesse nach dem Leitgedanken hoher Transparenz für den Kunden auch dokumentieren. Der Umfang der Informationspflichten und die hohe Regelungstiefe erfordert, die Arbeitsabläufe zu reorganisieren. Und um das vielfältige Sonderwissen anbieten zu können, müssen die Beratungsteams jederzeit auf hochspezialisiertes Experten-Know-how zugreifen können.

Dies bedeutet eine Änderung des Geschäftsmodells im Consulting. An die Stelle eines starren Analyseteams treten zunehmend flexible Strukturen. Die Beratungshäuser arbeiten an Integrationsmodellen für Quereinsteiger und setzen auf eine Ausweitung des Netzwerks. Diese Anpassung der Geschäftsmodelle wird die Beratung in der Finanzwirtschaft in den kommenden Monaten besonders prägen.

JOCHEN WYDRA ist Mitglied der Geschäftsleitung der PPI AG.
 
 
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