PPI AG

„Eine der aufregendsten Phasen der Klassischen Moderne in Deutschland“

Am 30. Oktober startet die Ausstellung „STURM-FRAUEN. Künstlerinnen der Avantgarde in Berlin 1910-1932“ in der SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT. Die Kunsthistorikerin Dr. Ingrid Pfeiffer, seit 2001 Kuratorin an der SCHIRN und für die aktuelle Schau verantwortlich, erläutert im Interview ihr Konzept und warum die Künstlerinnen und ihre Werke auch heute relevant und zu Unrecht kaum bekannt sind. Die PPI AG unterstützt die SCHIRN KUNSTHALLE als Förderer.

Dr. Ingrid Pfeiffer, Schirn Kunsthalle

Warum ist DER STURM gerade jetzt wieder aktuell?

Der STURM ist der große Rahmen für eine Ausstellung, die die Geschichte einer der aufregendsten Phasen der Klassischen Moderne in Deutschland aus einer neuen Perspektive erzählen will. Am STURM wird immer aktuell sein, dass Herwarth Walden ein Entdecker und Idealist war. Anders als viele Galeristen und Kunsthändler seiner Zeit suchte er das Allerneueste, das Ungesehene, das noch nicht Etablierte und hatte den Mut, sich gegen viele Widerstände dafür einzusetzen. Sein Engagement für die Künstlerinnen war auch wegweisend. Das wirft viele Fragen auf, die bis heute aktuell sind.

Der Kunstbegriff der STURM-Gruppe ist universell: Bilder, Bühne, Bücher, Bälle. Wie lässt sich das in der Kunsthalle darstellen?

Jeder Künstlerin wird ein eigener Raum gewidmet. Bei einigen dominieren Malerei und Zeichnung, bei anderen gibt es Bühnenbildentwürfe, Entwürfe für einen Film, Figurinen und Marionetten. Die Vielfalt der Stile und Medien im STURM wird anhand der einzelnen Künstlerpersönlichkeiten herausgearbeitet. In einem separaten Dokumentationsteil wird beschrieben und gezeigt, dass der STURM auch aus der STURM-Zeitschrift, der Literatur und anderen Aktivitäten bestand. Es ist aber primär das Ziel, eine Reihe von (zu Unrecht) noch wenig bekannten Künstlerinnen einem großen Publikum vorzustellen.

Waren die Künstlerinnen in der STURM-Gruppe wirklich gleichberechtigt?

Nein, sie hielten sich oft eher im Hintergrund, wurden vermutlich von den anderen STURM-Künstlern nur vereinzelt als wichtige Figuren wahrgenommen. Sie agierten in dem Rahmen, den ihnen die damalige Gesellschaft erlaubte, aber oft mit erstaunlichem Selbstbewusstsein. Von Gleichberechtigung waren sie allerdings auf jeder Ebene weit entfernt.

Was unterscheidet die Arbeiten und die Arbeitsweise der STURM-Frauen von denen ihrer männlichen Kollegen?

Künstlerisch verfolgten alle dieselben Ziele, wollten Neues und Innovatives schaffen in einer Zeit großer Umbrüche und vielfältiger stilistischer Entwicklungen (Kubismus, Futurismus, Expressionismus, Konstruktivismus, Bühnenkunst …) Was auffällt, sind die Brüche im Werk der Künstlerinnen, kürzere Hochphasen, bedingt durch schwierige äußere Umstände, Probleme, den Lebensunterhalt zu verdienen, Einschnitte durch frühen Tod nach der Geburt eines Kindes und vieles mehr. Umso erstaunlicher, was alles erreicht wurde – trotz der großen Widerstände.

Beim STURM denkt man zuerst an die männlichen Vertreter. Hat die Kunstgeschichte die Künstlerinnen vernachlässigt?

Künstlerinnen wurden vom 19. Jahrhundert an, als Kunstgeschichtsschreibung als praktizierte Wissenschaft einsetzte und zahlreiche Bücher über Künstler erschienen, zumeist weggelassen und ignoriert, obwohl es in Wirklichkeit immer und überall Künstlerinnen gab (seit der Renaissance, vermutlich anonym auch schon viele im Mittelalter). Die Kunstgeschichte wurde bis etwa in die 1970-80er Jahre, hauptsächlich von Männern geschrieben, die aus vielfältigen Gründen (Vorurteile, Konkurrenz) kein Interesse daran hatten, die Rolle von Künstlerinnen in der Geschichte objektiv darzustellen. Der STURM (1910-32) fällt in eine Zeit des Aufbruchs, auch für die Künstlerinnen, denn durch die gesellschaftlichen Verschiebungen im Ersten Weltkrieg und die Liberalisierung in der Weimarer Republik hatten Frauen erstmals gleiche Rechte (zumindest auf dem Papier).

Ist die Stellung der STURM-Frauen auch im heutigen Kunstbetrieb eine Ausnahmeerscheinung und damit ein Musterbeispiel?

Es ist schwierig, die gesellschaftliche Situation für Frauen heute mit der von vor 100 Jahren zu vergleichen. Trotzdem lässt sich beobachten, dass Vorurteile nach wie vor wirksam sind: Frauen wurde damals schon nachgesagt, gute Handwerkerinnen und Nachahmerinnen zu sein, aber unfähig zum Genie. Solche Argumente sind heute noch geläufig. Was heute noch stärker zum Nachteil der Künstlerinnen wirkt, ist die Macht des Kunstmarktes – mit dem Argument, eine bessere „Investition“ zu machen, werden häufig männliche Künstler bevorzugt. Herwarth Waldens Idealismus und sein Ziel, gute Kunst zu fördern, anstatt nur an den Verkauf zu denken, ist sicher ein Musterbeispiel für heute.

Wie schwierig war es, die Kunstwerke aufzuspüren und als Leihgaben zu bekommen?

Die Werke zu finden, besonders in kleineren Museen und Privatsammlungen, war kompliziert, da die Forschung da oft noch nicht sehr weit geht. Es ist häufig Detektivarbeit, man muss sich durchfragen. Oft kommt man trotz vieler Versuche auch irgendwann einmal nicht weiter. Insgesamt bin ich aber sehr zufrieden mit dem Ergebnis.

Welche Länder und Orte haben Sie in der Vorbereitung besucht?

USA, England, Frankreich, Belgien, Niederlande, Schweden, Schweiz, zahlreiche deutsche Städte.

Wie lange hat es insgesamt gedauert, die Ausstellung zur Eröffnung zu bringen? Liegt das im durchschnittlichen Rahmen?

Ausstellungen der Klassischen Moderne vorzubereiten, dauert immer mindestens 1 ½, eher noch 2 Jahre. In anderen Museen gibt man sich noch mehr Zeit zur Vorbereitung, da ist die SCHIRN aber besonders schnell. Viele Museen konkurrieren um Leihgaben, das macht die Vorbereitung zeitintensiv, dazu gehören außerdem viele Reisen. Die STURM-FRAUEN vorzubereiten, lag trotz des Umfangs von rund 280 Werken im normalen Zeitrahmen.

In den letzten Jahren haben Sie u.a. Impressionistinnen, Barbara Kruger und Yoko Ono ausgestellt. Sehen Sie es als Ihren Schwerpunkt, Künstlerinnen zu präsentieren?

Ich habe auch viele Ausstellungen zu männlichen Künstlern gemacht (Matisse, Yves Klein, James Ensor, A.R. Penck, Thomas Hirschhorn, E.W. Nay) und große Gruppenausstellungen wie Surreale Dinge und Esprit Montmartre. Tatsächlich sehe ich es aber immer deutlicher als meine Aufgabe als Kuratorin in einer großen Ausstellungshalle, Künstlerinnen den Raum zu geben, den sie historisch auch verdienen. Noch immer fehlen sie oft im Programm der anderen Museen.

Link zur Ausstellung STURM-FRAUEN. KÜNSTLERINNEN DER AVANTGARDE IN BERLIN 1910-1932

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